Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e. V.

zur Startseite

 

Am 8. Juli 2017 nach Hamburg - gegen G20 und Demoverbot!

Der Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V. schließt sich dem Aufruf zu den antikapitalistischen Protesten gegen den G20-Gipfel am 8. Juli 2017 in Hamburg an.

Entgegen früheren Zusagen haben die Polizei und die Grünen in Hamburg ein weiträumiges Demoverbot erlassen. Diese weitere Lüge zeigt neben ihren Kriegsbeschlüssen, dass sie keine Alternative mehr zur konservativen Machtpolitik von Merkel darstellen. Dort, wo Grüne an der Macht sind, wie in Baden-Württemberg, Hamburg oder Friedrichshain (Mieterhöhungen und antisozialer Wohnungsbau) betreiben sie eine gute CDU-Politik im Interesse der Wirtschaftslobby.

AfD, CDU, SPD und Grüne sind sich im Demo-Verbot einig. Eine Ablehnung der Ausbeutungs- und Kriegspolitik der G20-Eliten soll in Hamburg nicht erkennbar werden. Sie wollen eine Demokratie auf Zuteilung, eine inszenierte Demokratie, die zu einer Applausmaschine für ihre unmenschliche Politik in der Welt verkommt.

DGB, SPD- und Grünen-nahe Gruppen spalten den Anti-G20-Protest, in dem sie zu einer Bittsteller-Demo schon am 2. Juli aufrufen. Während in Jemen die Cholera grassiert, in Mossul Zivilisten getötet werden und vor Lybiens Küste gestorben wird, soll in Hamburg Ruhe und Ordnung herrschen, wenn sich die regierenden Verursacher versammeln. Es soll schließlich alles friedlich und gewaltfrei bleiben, sagen diejenigen, die für die Gewalt der Kriege in der Welt die Hauptverantwortung tragen.

Wir wollen unsere Ablehnung der kapitalistischen Wirtschafts-, Politik- und Lebensart, die totalitär nur auf Profit ausgerichtet ist, frei, offen und ungehindert zum Ausdruck bringen.

Wir sind solidarisch mit allen Menschen, die nach Europa wollen, um hier zu leben, weil unser Kontinent in Afrika, im Nahen Osten, in Asien und in Lateinamerika seit Jahrhunderten und gegenwärtig die Existenzbedingungen der dortigen Zivilisationen und Kulturen zerstört.

Aus diesem Grund haben wir den Aufruf zur Demo am 8. Juli unterzeichnet.

 

 

 


Zehntausende Antikapitalisten am Treffpunkt Deichtorplatz - keine Polizei, also keine Gewalt

Eine der Hauptforderungen: Für die Aufnahme von Flüchtlingen.

"Kapitalismus kann man nicht heilen, nur bekämpfen!"

Ein breites soziales, ökologisches, antikapitalistisches und flüchtlingssolidarisches Protestspektrum zieht ohne Krawall durch die Willy-Brandt-Straße

Unübersehbare Massen in der Ludwig-Erhard-Straße - alle Fensterscheiben bleiben ganz


Flugblatt der Groß-Demo am 8. Juli 2017
 

Der G20-Gipfel war von brutalen Polizeischikanen gegen alle Widerstands- und Protestformen begleitet. Die Polizeitaktik gegen die "Welcome to hell"-Demo und die Sperrung des Heiligengeistfeldes für die Groß-Demo am 8. Juli förderten und provozierten die unpolitische Randale vermeintlicher "Linker" im Schanzenviertel. Der Anti-G20-Protest richtete sich aber nicht gegen private Pkw-Besitzer in Altona oder Geschäftsleute in der Sternschanze, sondern gegen die zerstörerische Politik des G20-Kapitalismus. Dieser Protest wurde von den staatstreuen Medien kleingeredet, kriminalisiert oder einfach hinter der Gewaltfrage versteckt.

     

Regierender Bürgermeister Müller (SPD) spricht von Fehlern und Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne) hat keine Meinung zur Rigaer Straße - 26.1.2017

Nunmehr liegen auch Stellungnahmen des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, und des Bezirksstadtrats Florian Schmidt (Grüne) zu den aktuellen Bau-, Denkmal- und mietpolitischen Vorgängen in der Rigaer Straße vor. Aber Fehler einräumen und gleichzeitig an Abrissplänen und Mietsteigerungen festhalten - wie passt das zusammen?

 

Abrissorgie der Grünen und der SPD in Friedrichshain geht weiter:
Rigaer Straße 71-73a
Protest des Friedrichshainer Geschichtsvereins dem Bezirksamt übergeben - 6.1.2017

Seit 2013 strebten die Grünen-Bezirkspolitiker von Kreuzberg Franz Schulz und Hans Panhoff sowie weitere Politiker von SPD und Linken den Abriss des historischen Gewerbehofes Rigaer Straße 71-73a in Friedrichshain an. Nunmehr stehen sie kurz vor ihrem Erfolg. Schulz und Panhoff sind längst verschwunden, aber die CG Gruppe als Eigentümerin will jetzt einen Bebauungsplan verwirklichen, der nicht nur die Kultur- und Sozialgeschichte des Nordkiezes zerstören soll, sondern mit seiner Mietskasernen-Hinterhofbebauung den Bewohnern die Luft zum Atmen nehmen wird.

Der Friedrichshainer Geschichtsverein legte gegen den B-Plan 2-44 VE am 6. Januar 2017 einen Protest ein und übersandte dem Bezirksamt einen umfangreich begründeten Einwand (PDF-Datei, 4,7 MB) gegen das mietentreibende Bauprojekt und für einen Abriss-, Bau- und Mietstopp.

  Historischer Fabrikhof Rigaer Straße 71-73a, Ansicht vor 1900

 

 

 

Friedrichshainer Armenfriedhof ein Massengrab?
Stadtentwicklungsbehörde von Skandal-Senator Andreas Geisel (SPD)* verbreitet Falschmeldungen

In einer Pressemitteilung vom 5. Dezember 2016 (siehe unten) bricht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz unter der Nochleitung des Skandal-Senators Andreas Geisel (SPD) erstmals ihr Schweigen zu den mehr als neunmonatigen Ausgrabungen des größten historischen Berliner Armenfriedhofes an der Friedrichshainer Friedenstraße und Pufendorfstraße mit einer Gesamtbelegungszahl von bis zu 50.000 Gräbern.

Existenz und Lage des Armenfriedhofes waren den zuständigen Senatsbehörden, dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und dem Investor seit Jahrzehnten bekannt, z. B. durch ein Schreiben des Friedrichshainer Geschichtsvereins. Dennoch wird seit Anfang des Jahres 2016 die Öffentlichkeit über diesen ehemaligen städtischen Friedhof systematisch und bewusst falsch informiert und in die Irre geführt.

Die erste Lüge: "Es gibt keinen Armenfriedhof."

So hieß es im Beschluss DS/2108/IV der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg am 16. März 2016 auf Seite 37: "Es ist nicht bekannt, dass der Berliner Armenfriedhof auch westlich der Pufendorfstraße liegt.", obwohl zur gleichen Zeit westlich der Pufendorfstraße die archäologische Ausgrabung (Bild 1) des Armenfriedhofs begann. Das ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten.

Dabei handelt es sich um jenes Baugrundstück des Hamburger Investors B & L (Grundstücksgesellschaft Friedenstraße mbh & Co. in Hamburg), das bereits im Jahr 2015 wegen des flächendeckenden Abrisses der denkmalgeschützten Bausubstanz des Böhmischen Brauhauses zu Unmut, Kritik und Bürgerprotesten führte. Der damalige Abriss der alten Mälzerei, des Sudhauses, der Darren, des Maschinen- und Kesselhauses und der zweigeschossigen Brauereikeller von 1868 wurde von der Senatsverwaltung des Senators Andreas Geisel massiv gedeckt und unterstützt. Das Landesdenkmalamt bezeichnete die Denkmalzerstörung (Bild 2 und Bild 3) und den Abriss als "Neugestaltung".

Durch Ignoranz und Leugnen der Existenz des Friedhofes unterbanden die Senats- und Bezirksbehörden im Interesse des Investors die öffentliche Meinungsbildung und Information und damit jeden kritischen Widerspruch. Auf Initiative des Friedrichshainer Geschichtsvereins Hans Kohlhase e.V. konnte zum Tag des offenen Denkmals im September 2016 ein Fenster zu dieser Grabung geöffnet werden, nachdem der Geschichtsverein im April 2016 den Armenfriedhof als Objekt für diesen Denkmalstag angemeldet hatte und dadurch zumindest eine Außenbesichtigung des Armenfriedhofes/Baugrundstückes nicht mehr abzuwenden war.

Die zweite Lüge: "Es gibt keine Einzelgräber."

Als dem Investor im November 2016 erneut Aktivitäten des Friedrichshainer Geschichtsvereins hinsichtlich des würdelosen Umgangs mit dem Armenfriedhof bekannt wurden - denn der Geschichtsverein hatte inzwischen Informationen erhalten, dass der Friedhof bei den Ausgrabungen wie ein einziges Massengrab, also ein bloßer Knochenberg, aber nicht als Ruheort tausender Individuen mit Einzelgräbern behandelt wird - trat der Investor die Flucht nach vorn an. Eine von ihm veranlasste Pressekampagne von Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Berliner Morgenpost, Berliner Woche, RBB, einiger privater Web-Seiten, unterstützt von der Senats-Pressemitteilung vom 5. Dezember 2016, verbreitet die in einigen Einzelfällen unbestrittene, aber generalisierend unwahre Darstellung, "dass nicht Einzelgräber angelegt wurden, sondern Gräben, in die dicht an dicht Holzkisten verbracht wurden" (Pressemitteilung). Zwar vermeidet die Pressemitteilung den Begriff "Massengrab", aber mit dem Bestreiten von Einzelgräbern, der Verwendung des Begriffs „grüne Wiese“ und der Behauptung, der Armenfriedhof sei in seiner Belegungszeit nicht als Friedhof mit Individual-Grabkultur erkennbar gewesen, wird der Friedhof zum anonymen Massengrab. Karin Schmidl von der Berliner Zeitung, die schon häufig für Grundstückseigentümer, Investoren, den Senat und das Bezirksamt wohlgeschönte Berichte fabrizierte, brachte es auf den Punkt: "Es gibt keine Einzelgräber" auf dem Armenfriedhof. (Berliner Zeitung, 6.12.2016, S. 16).
"Auf dem Armenfriedhof gab es keine Einzelgräber, sondern Gräben mit Holzkisten. In ihnen befanden sich mindestens fünf Tote" schreibt auch die "Berliner Woche" am 10. Dezember. Kontextual ist das falsch und typisch "postfaktisch", d.h. Tatsachen ignorierend und offensichtliche Lügen als "gefühlte" Wahrheit akzeptierend, denn faktisch sind die meisten Leichen in Einzelgräbern (Bild 4, Bild 5, Bild 6, Bild 7, Bild 8) bestattet worden. Die Medien wiederholen unkritisch die Pressemitteilung des Senats und verlieren damit ihre Unabhängigkeit.

Folgt man der Logik und dem Text der Pressemitteilung, müsste auch der Friedhof der Märzgefallenen an der Landsberger Allee ein Massengrab sein, denn auf ihm wurden an einem einzigen Tag, dem 22. März 1848, in vier länglichen Doppelgrabreihen (Bild 9), in die dicht an dicht Särge verbracht wurden, 183 Revolutionsopfer beigesetzt. Auch auf diesem Friedhof ist die "Ordnung" der Gräber durch Umbettungen, Fehlgräber, Nachbestattungen, Verlust der Grabmarkierungen, Umschreibungen und Oberflächenplanierungen inzwischen verloren gegangen. Auch dieser Friedhof ist ein Armenfriedhof, denn die Mehrheit der Hinterbliebenen der bestatteten Revolutionskämpfer hatte nicht einmal das Geld für ein einfaches Grabkreuz aus Holz, genau wie auf dem Armenfriedhof Friedenstraße. Der Friedhof der Märzgefallenen soll jedoch nach dem Willen der SPD (Paul-Singer-Verein), die die Märzrevolution und diesen Friedhof als antirevolutionäre Partei zu Unrecht vereinnahmt hat, mit einer spekulativen Individual-Friedhofskultur für Parteipropagandazwecke umgestaltet und genutzt werden.

Die dritte Lüge: "Mit den sterblichen Überresten wird würdevoll umgegangen."

Die Aussage, es gäbe keine Einzelgräber (Bild 6) auf dem Armenfriedhof, ist eine eindeutige Verfälschung seiner Geschichte. Sie entwürdigt nicht nur erneut diesen in der Stadtgeschichte Berlins geschmähten und vernachlässigten Friedhof, weil er den dort bestatteten Menschen die oft vielgerühmte "Selbstbestimmtheit" aber auch ein kollektives Gedenken abspricht. Eine bessere Einladung zum würdelosen Umgang mit den Gebeinen der unteren sozialen Klasse kann es nicht geben, denn mit einem vorgefundenen Knochenberg kann der Investor anders umgehen als mit tausenden Einzelgräbern, nämlich kostengünstiger und nicht so aufwändig wie bei der archäologischen Suche nach den drei Kurfürsten-Gräbern von Johann Cicero, Joachim I. und Joachim II. auf dem Schlossplatz, den Ahnherren der heutigen Eliten. Nach ihrer Bergung auf dem Armenfriedhof drängeln sich meist mehrere Skelette in einem handelsüblichen Umzugskarton. Vorgeschrieben sind jedoch individuelle Gebeinskisten. Eine Wiederbestattung auf dem Friedhof in Plötzensee kann sich dann an den ursprünglichen Kosten für eine Armenbestattung im 19. Jahrhundert orientieren, die damals 8,77 Mark, umgerechnet 56,13 Euro kostete. Seit Oktober 2016 wird bei der Bergung und Lagerung der Skelette das Prinzip der Würde des einzelnen Individuums missachtet, denn bis zu fünf Individuen werden vermengt in einen Umzugskarton (Bild 10, Bild 11, Bild 12) gelagert. Um dies zu vertuschen erfolgte die Pressemitteilung vom 5. Dezember im Interesse des Investors.

Die vierte Lüge: "Der Friedhof bleibt für immer erhalten."

Der Armenfriedhof an der Friedenstraße war der wohl ungewöhnlichste Friedhof im vormodernen Berlin. Seine von der Cholera geschriebene Entstehungsgeschichte machte aus ihm einen mythischen Ort. 1837, als sie erneut ausbrach, fielen ihr 2.338 Einwohner zum Opfer, immerhin ein Prozent der Bevölkerung, denn die Stadt hatte damals 234.000 Einwohner. Berlin stand unter Schock. Die Cholera war in allen Straßen und Gassen zu Hause und das Unglück schweißte die Bevölkerung in ihrer Trauer zusammen. Weil der Krankheit mit ihrer damals unbekannten Ursache und der hohen Sterblichkeit etwas Grauenhaftes anhing, hier zunächst fast alle Beerdigungen stattfanden, zugleich das Ritual der Beerdigungen durchbrochen wurde, nur nächste Angehörige waren zugelassen, nachts beerdigt wurde, und der Friedhof die Berliner schicksalshaft vereinte, sah sich der Magistrat bei dem Ausmaß der Katastrophe, die die Stadt heimgesucht hatte, zu der Zusicherung einer immer währenden Totenruhe veranlasst. Er versprach den dauerhaften Bestand des Friedhofs.
Um ein Haar wäre sogar der preußische Staatsphilosoph Friedrich Wilhelm Hegel auf dem Cholerafriedhof gelandet, denn er starb am 14. November 1831 an der Cholera, wie die Ärzte und Zeitungen meldeten. Aber schon in jener Zeit schrieb die Presse nicht immer die Wahrheit, obwohl es bei Hegel durchaus die Wahrheit war und so wurde er post mortem doch noch von der Cholera befreit, um standesgemäß auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zur Ruhe zu kommen und nicht in das Massengrab des Cholerafriedhofes, denn in den Cholerajahren wurden tatsächlich oft Massenbestattungen vorgenommen.

Als der Armenfriedhof (1831) 1840 eröffnet wurde und immer wieder bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, hatte der Berliner Magistrat den Hinterbliebenen der hier Bestatteten versprochen, "daß der Kirchhof für immer erhalten bleibe". Ähnlich wie der Friedhof der Märzgefallenen war der Armenfriedhof der Begräbnisort der unteren sozialen Klassen, der Arbeiter, Dienstmädchen, Handwerker, kleinen Ladenbesitzer, Geschäftsleute, Lehrer und auch niederer Beamter. Die asoziale Arroganz der Oberschichten gegenüber diesen Menschen und ihren beiden Friedhöfen im heutigen Friedrichshain kann man vor Ort gut besichtigen. Auf dem Friedhof der Märzgefallenen stehen noch 24 individuelle Grabdenkmäler bei ursprünglich etwa 250 Gräbern, an den Armenfriedhof erinnert nichts mehr.

Die evangelische Kirche leitete zusammen mit ihrem Kaiser Wilhelm II. und der Stadtverordnetenversammlung den Bruch des Magistratsversprechens durch den Bau der monströsen Auferstehungskirche in den Jahren 1892-95 mitten im Zentrum des Armenfriedhofes ein und ließ dafür ca. 8.000 kaum verweste Leichen unter fürchterlichem Gestank, der die ganze Wohngegend überzog, ausgraben. Straßenumverlegungen und der Bau von zwei Schulen folgten vor 1900. In DDR-Zeiten wurde ein Umspannwerk und das Schwesternheim an der Pufendorfstraße errichtet und 2017 sollen weitere Wohnbauten folgen. Aber auch auf dem nahe gelegenen Sportplatz und an der Diestelmeyerstraße bleibt noch einiges zu tun. Hier liegt noch viel Bauland brach und einige tausend Leichen warten unter der Erde auf die Aufwertung dieser Immobilie, denn sie wissen, was ein Versprechen der Upper class an das übrige Volk wert ist.

 

Eine umfassende Geschichte des Armenfriedhofes mit seiner genauen Lagebeschreibung (Bild 13) erschien im Februar 2012 unter dem Titel "Eine Kirche auf Knochen der Armen" in der Zeitschrift "mont klamott" Nr. 85 des Friedrichshainer Geschichtsvereins Hans Kohlhase e.V. Die Publikation ist in der Landeszentralbibliothek einsehbar. Schon diese Veröffentlichung belegte die Einzelgrabkultur auf dem Armenfriedhof aus den Akten des Landesarchivs heraus.

Am 18. März 2015 erhielt die Untere Denkmalschutzbehörde Friedrichshain vom Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V. in einem Telefongespräch aktuelle Informationen über diesen Armenfriedhof und seine Lage auf dem Baugrundstück des Hamburger Investors B & L mit dem Gelände des ehemaligen Böhmischen Brauhauses an der Landsberger Allee, Matthiasstraße, Pufendorfstraße, Friedenstraße.
Erst 2014 hat die Stadt Berlin dem Investor B & L (Grundstücksgesellschaft Friedenstraße mbh & Co. in Hamburg) jene Grundstücke an der Pufendorfstraße veräußert, die den westlichsten Teil des ehemaligen Armenfriedhofes bilden und die der Investor unbedingt zur Ausführung seines exzessiven, gegen die dort wohnenden Friedrichshainer gerichteten Bauprojektes benötigte. Die Stadtverwaltung Berlin verkaufte also erst vor wenigen Jahren den Armenfriedhof an einen Immobilienkapitalisten und sie verbindet daher mit ihm das Interesse, die Ausgrabung und Umbettung dieses umfangreichen Gräberfeldes von ca. 2.000 Bestattungen möglichst geräuschlos abzuwickeln. Zu diesem Zweck wurde eine Informationssperre über die bevorstehende Ausgrabung des (Teil-) Armenfriedhofes zwischen dem Investor B & L und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vereinbart. Es ist unvorstellbar, dass der Senator Andreas Geisel von diesem Vorgang keine Kenntnis hatte.

Inzwischen wird versucht, dem Friedrichshainer Geschichtsverein ein unverbindliches Diskussionsangebot zu den Ausgrabungen des Armenfriedhofes zu machen. Dass es von denjenigen kommt, die bislang mit einem Schweigegelübde ihrem Investor folgten, macht es unglaubwürdig.

Die Auseinandersetzung um den Friedrichshainer Armenfriedhof ist im Wesen keine Frage der ordentlichen Gebeinskisten oder der korrekten Bezeichnung historischer Sachverhalte, sondern der Gewissenlosigkeit der städtischen Eliten durch ihre rücksichtslose Interessenbindung an unbegrenzte wirtschaftliche und politische Macht.
Andreas Geisel und seine Partei, die SPD, haben auch in dieser Auseinandersetzung gezeigt, dass sie längst nicht mehr an der Seite der einfachen Leute, der "Armen", stehen.

* Andreas Geisel hat als Senator und führendes SPD-Mitglied mehrfach seine Nähe zu Immobilienunternehmen und deren Bevorteilung sowie undurchsichtige Vorteilsnahme für seine Partei bewiesen. Der Begriff des Skandal-Senators kommt aus den Reihen seiner eigenen Partei. Die Jungsozialisten verbanden auf ihrer Landeskonferenz im Oktober 2016 seinen Namen mit dem fast wöchentlichen Auftreten eines Skandals.

 

Hier der Text der Senats-Pressemitteilung:

"Archäologische Grabung auf dem ehemaligen Armenfriedhof an der Pufendorfstraße in Berlin-Friedrichshain"
05.12.16, Pressemitteilung

Seit Juli 2016 werden die auf dem künftigen Baugrundstück an der heutigen Pufendorfstraße erhaltenen menschlichen Bestattungen des ehemaligen städtischen Armenfriedhofs freigelegt, dokumentiert und geborgen. Die Grabung wird 2017 fortgeführt. Wie im Berliner Denkmalschutzgesetz festgelegt, trägt der Investor und Grundstückseigner die Kosten der Grabung und der Wiederbeisetzung der Gebeine. Zuständig für die archäologische Grabung sind das Landesdenkmalamt Berlin und die bezirkliche Untere Denkmalschutzbehörde.

[Es folgt ein ortsfremdes Foto mit Text: Freigelegte Bestattungen bei archäologischen Untersuchungen im Bereich der Dorfkirche Alt-Friedrichsfelde, Foto: R. Bräunig]

Nach Abschluss der Grabung und Untersuchung ausgewählter Skelette werden die Gebeine auf dem Friedhof in Plötzensee, Dohnagestell 4, beigesetzt. Ein kleiner Teil wird für spätere Untersuchungen im Depot der Berliner Bodenfunde eingelagert.

Der Armenfriedhof wurde von 1832 bis 1881 mit Bestattungen belegt. Neu und aufschlussreich ist, dass das Gelände für Bestattungen wenig geeignet war. Es wies nach Nordwesten einen steilen Anstieg auf, der durch die in den lehmigen Boden eingegrabenen Terrassen ausgeglichen worden war, um darin Grabgruben anlegen zu können.

In einem Teil des Friedhofs wurden Überreste von Anatomieleichen vorgefunden. Epidemien in der Stadt führten dazu, dass die Zahl der Sezierungen (Leichenöffnungen) Verstorbener deutlich anstieg. Diese Untersuchungen wurden bevorzugt in der Berliner Charité vorgenommen, die sich im 19. Jahrhundert zu einem führenden Zentrum der Humanmedizin entwickelt hatte. Die Bestattung solcher Leichen übernahm die Stadt Berlin bzw. die Kirchgemeinde auf eigene Kosten. Dieser Umstand führte dazu, dass nicht Einzelgräber angelegt wurden, sondern Gräben, in die dicht an dicht Holzkisten verbracht wurden. In diesen Holzkisten wurden mindestens 5 Personen bzw. Teile davon (Überreste von Sezierungen) beigesetzt. Hinzu kommt, dass die Gräber des Friedhofs und die Holzkisten ohne Deckel keine Kennzeichnung oder Grabmarkierung aufwiesen, so dass sich das Gelände für Außenstehende nicht als Friedhof sondern als „grüne Wiese“ darstellte.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts entstand ein Bedarf an großen Armenfriedhöfen. Für das Jahr 1831 ist eine Cholerawelle in Berlin überliefert, der unzählige Menschen zum Opfer fielen. Aus Angst vor Ansteckung und in Unkenntnis über die Ursachen der Krankheit wurden die Verstorbenen außerhalb der damaligen Stadt beigesetzt. Der Berliner Magistrat erwarb dafür 1822 Land vor dem Landsberger Tor, um es als Begräbnisstätte u.a. für solche Opfer nutzen zu können. Der ab 1832 als Armenfriedhof bezeichnete Begräbnisort war fortan der größte Begräbnisplatz dieser Art in Berlin. Bereits vor der offiziellen Schließung des Friedhofs 1881 entstand 1868 an dessen nordwestlichen Grenze das Böhmische Brauhaus, das innerhalb von zehn Jahren die größte Brauerei Berlins wurde. Wenig später wurde die heutige Pufendorfstraße bebaut, weshalb der hier gelegene Friedhof aus dem Stadtbild verschwand. Aufgrund günstiger Umstände haben die Gräber, die besonders tief lagen, bis heute überdauert."

Quelle: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/pressebox/archiv_volltext.shtml?arch_1612/nachricht6275.html

 

Folgende Falschdarstellungen zeigen im Einzelnen, dass es sich bei dem Text der Pressemitteilung vom 5. Dezember nicht um einzelne versehentliche Fehler handelt, sondern um eine systematische Fehlinformation der Öffentlichkeit, um einer ganzen sozialen Klasse generell die individuelle Totenkultur abzusprechen und sie außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu stellen. Der Großbürger und Schriftsteller Julius Rodenberg hat dagegen 1880 bei seinem Besuch des Armenfriedhofes feinsinnigere Beobachtungen gemacht.

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 1:
"Seit Juli 2016 werden die auf dem künftigen Baugrundstück an der heutigen Pufendorfstraße erhaltenen menschlichen Bestattungen des ehemaligen städtischen Armenfriedhofs freigelegt, dokumentiert und geborgen."
Diese Behauptung ist unwahr.
Tatsächlich begannen die Ausgrabungen mit einer Sondage am 17. März 2016 zu einem Zeitpunkt, als die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg öffentlich am 16. März 2016 erklärte, dass sich an diesem Ort kein Armenfriedhof befände, obwohl eine eindeutige historische Kartierung und Fachhinweise durch den Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V. (siehe unten, Schreiben v. 7.10.2015) das Gegenteil bewiesen und den Behörden vorlagen. Die Bezirksverordnetenversammlung behauptete dagegen bewusst fälschlich: "Es ist nicht bekannt, dass der Berliner Armenfriedhof auch westlich der Pufendorfstraße liegt."

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 2:
"Epidemien in der Stadt führten dazu, dass die Zahl der Sezierungen (Leichenöffnungen) Verstorbener deutlich anstieg."
Diese Behauptung ist unwahr.
Ein deutlicher Anstieg der Anatomieleichen ist auf dem Armenfriedhof quellenmäßig nicht belegbar. So fanden 1880 bei 2.910 Bestattungen insgesamt 299 Sektionen statt, während es 1868 bei 762 Bestattungen 231 Sektionen waren. 1877 waren es bei 1.622 Bestattungen sogar nur 174 Anatomieleichen. Eine Epidemie spielte dabei keine Rolle. Jährlich wurden etwa 200 bis 300 Armen-Leichen für anatomische Zwecke seziert.
Die Epidemie-, d.h. Cholerabestattungen auf dem Armenfriedhof werden zudem von der gegenwärtigen archäologischen Grabung nicht erfasst, da diese Bestattungsjahrgänge in einem anderen, entfernteren Teil des Friedhofs liegen.
Mit einer zahlenmäßigen Überbewertung der Anatomieleichen, abweichend von der tatsächlichen Funddokumentation der Archäologen, die jedes einzelne Grab fotografieren und nummerieren, schafft die Senatsverwaltung die Argumentationsgrundlage für ein nicht mehr differenzierbares "Massengrab", das als solches jedoch nicht existiert. Die Pressemeldungen in der Berliner Zeitung und im Berliner Kurier (online, 29.11. und 30.11.2016) unter dem Schlagwort "Massengrab" und einer bis auf 4.000 Skelette überhöhten Gräberzahl wirken suggestiv in dieselbe Richtung einer massenhaften Anzahl von Toten, deren Individualität vernachlässigt werden könne. Bis zum 12. Dezember wurden 1.277 Skelette geborgen und nicht 3.000, wie die "Berliner Woche" mit Berufung auf die Archäologen behauptete. Es ist noch mit etwa 500-600 Gräbern zu rechnen, falls nicht doch noch eine zweite Grablage entdeckt wird, was nicht auszuschließen ist, jedoch von den Archäologen bislang verneint wurde. Nur beim Auffinden der zweiten Grablage, die hier ursprünglich existierte, wäre eine Bergungszahl von 3-4.000 Skeletten erreichbar.

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 3:
"Diese Untersuchungen wurden bevorzugt in der Berliner Charité vorgenommen, die sich im 19. Jahrhundert zu einem führenden Zentrum der Humanmedizin entwickelt hatte."
Diese Einschätzung verschweigt den unsozialen Leichenhandel im Preußen des 19. Jahrhunderts.
Durch wissenschaftliche Studien (Olaf Briese, Angst in den Zeiten der Cholera. Seuchen-Cordon, Berlin 2003) ist längst erwiesen, wie autoritär-undemokratisch der Fortschritt der Humanmedizin in Preußen war, wo der verstorbene Arme "zum bloßen materiellen Substrat" (Briese, S. 175, kritisch), zum "Cadaver" (inhumane Fachsprache des Berliner Humanmediziners Dr. Albert Sachs, 1831) schrumpfte. Während im damaligen England eine demokratische Öffentlichkeit den staatlichen Leichenraub von den Friedhöfen problematisierte, flackerte in Berlin nur selten Protest auf, so Ende September 1831 als es zu gewalttätigen Angriffen gegen Leichentransporte von Armen kam, die zur Obduktion gebracht werden sollten. Olaf Briese spricht völlig zurecht von einer "bürokratisch-medizinischen Form der Leibeigenschaft", während die Pressemitteilung den Aufstieg der Charité zum führenden Zentrum der Humanmedizin beschreibt. Dass es sich hier nicht allein um die ethische Haltung gegenüber Toten handelt, zeigt auch die Begriffsentwicklung, die in den deutschen Eliten und nicht nur beim Militär weit vor dem Ersten Weltkrieg das Wort "Menschenmaterial" hervorbrachte.

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 4:
"Die Bestattung solcher Leichen übernahm die Stadt Berlin bzw. die Kirchgemeinde auf eigene Kosten."
Diese Behauptung ist bezüglich der Kirchengemeinden unwahr.
Die Bestattungskosten trugen auch auf dem Armenfriedhof grundsätzlich zunächst die Angehörigen, jedoch in Fällen der Unbemitteltheit die Stadt Berlin. Diese Fälle der sogenannten "Freibegräbnisse" überwogen allerdings bei Weitem, sodass die Bestattungskosten wahrscheinlich in etwa 80 bis 90 Prozent von der Stadt getragen wurden, der Rest von Privatpersonen.
Die "mildtätigen" Kirchengemeinden übernahmen dagegen keine Bestattungskosten auf dem städtischen Armenfriedhof, denn dieser Kosten haben sie sich als gute Geschäftsleute schon im frühen 18. Jahrhundert gegenüber dem preußischen Staat bzw. der Stadt Berlin wohlweislich entledigt, indem sie die unprofitablen, weil nur Kosten und keine Einnahmen verursachenden Armenbestattungen outgesourct hatten. Erst durch das schäbige Verhalten der protestantischen Staatskirche entstanden überhaupt die städtischen Armenfriedhöfe.

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 5:
"Dieser Umstand führte dazu, dass nicht Einzelgräber angelegt wurden, sondern Gräben, in die dicht an dicht Holzkisten verbracht wurden. In diesen Holzkisten wurden mindestens 5 Personen bzw. Teile davon (Überreste von Sezierungen) beigesetzt."
Diese Behauptung ist unwahr, lediglich einige wenige archäologische Befunde belegen diese Verfahrensweise.
Die überwiegende Bestattungsart auf dem Armenfriedhof war, wie auf den benachbarten kirchlichen Friedhöfen, die Einzelbestattung in einer Sarg-Holzkiste mit Deckel in einfachster Ausführung und nur in einigen wenigen Fällen in massengrabähnlichen Langgruben, jedoch mit einer Individualeinhausung des Toten. Der Verlust von Sargabdeckungen ist entweder durch pflichtwidrige aber kostengünstige Bestattungen entstanden oder durch spätere Bodenstörungen in Folge von Bautätigkeit, Landschaftsplanierungen usw.
Lediglich bei einigen Anatomieleichen, die nicht mehr als Individuen anzusehen waren, erfolgte eine Gruppenbestattung. Dieser Anteil von Mehrfach- bzw. Mischbestattungen kann nach der Quellenlage nur einen Anteil von ungefähr 17 Prozent erlangt haben, so hoch war in einzelnen Jahrgängen der Anteil der Anatomieleichen.

Um den finanziellen und Arbeitsaufwand bei den "Freibegräbnissen" für mittellose Verstorbene drastisch zu reduzieren, wurden diese Toten auch in Gruppen, also in Gemeinschaftsgräbern wie auf dem Friedhof der Märzgefallenen bestattet. Die minimalen Normen einer individualen Bestattungskultur, nämlich in einer einzelnen einfachen Holzkiste für jede Leiche, wurden so eingehalten. Die Identität des Verstorbenen wurde namentlich vermerkt, blieb gewahrt und wurde oberirdisch markiert. Die Markierungen sind in den 1880er Jahren verschwunden. Dieser Befund des Gräberfeldes wurde im September 2016 beim Tag des offenen Denkmals von den Archäologen vorgestellt. Vereinzelt auftretende ununterscheidbare Mehrfachbestattungen, also das "klassische" Massengrab, wurden von ihnen richtiger Weise als Ausnahme bezeichnet.
Dass gerade diese Ausnahmeerscheinung von der Senatsverwaltung zum Normalfall der angetroffenen Bestattungen erklärt wird, führt zum eigentlichen Sinn der Pressemitteilung, die den Armenfriedhof de facto zu einem einzigen Massengrab erklärt und damit den Umgang mit den Gebeinen a priori als eine nicht mehr differenzierungsfähige Knochenmenge festlegt. Dies ist würdelos. Die enge Belegung mancher Grabreihen mit Holzkisten kann für sich allein noch kein Massengrab begründen. Lediglich die Bestattung einzelner Leichenteile der Anatomieleichen in einem Bestattungsvorgang ist als Massengrab anzuerkennen. Sie erreicht nicht einmal einen Anteil von einem Fünftel an den Bestattungen. Sofern ein Einzelgrab im Boden ergraben wird, ist es als solches einzeln zu bergen, zu lagern und umzubetten. Seit Oktober 2016 werden die Einzelbestattungen jedoch vermischt und bis zu fünf Individuen werden in einem Umzugskarton gelagert.

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 6:
"Hinzu kommt, dass die Gräber des Friedhofs und die Holzkisten ohne Deckel keine Kennzeichnung oder Grabmarkierung aufwiesen, so dass sich das Gelände für Außenstehende nicht als Friedhof sondern als „grüne Wiese“ darstellte."
Diese Behauptung ist unwahr.
In seiner Belegungszeit zwischen 1831 (spätestens jedoch ab 1840) und 1881 war der Friedhof deutlich an seinen Grenzen durch Zäune, Hecken, Bretterwände, Beschriftung und in wenigen Fällen auch durch Grabkreuze, Grabdenkmäler und durch sandige Grabhügel markiert, deren Nichtbewuchs nicht einmal durch Rasen von den Angehörigen im 19. Jahrhundert immer wieder gegenüber dem Magistrat kritisiert wurde. Eine Wiese hat auf dem Armenfriedhof schon aus Kostengründen nicht bestanden. Julius Rodenberg hat hier bei seinem Besuch im Jahr 1880 "hunderte von namenlosen Gräbern" gesehen, "ohne Hügel, ohne Rasen, Grab flach neben Grab, jegliches mit einem schwarzen Pfahl zu Häuptern und einer Nummer daran ... selten ist ein Kreuz von Eisen." Wenn dem Armenfriedhof der Charakter einer "grünen Wiese" zugeschrieben wird, so ist das blanker Zynismus, denn die grüne Wiese ist in der heutigen Friedhofslandschaft gerade in den Städten Ausdruck einer freigewählten Anonymität. Der Armenfriedhof und seine "Bewohner" kannten diese Erfahrung des Alleinseins nur als Zwang und Ausgrenzung. Sie war nicht selbstbestimmt. Die Gräber auf dem Armenfriedhof waren oft ungepflegt, aber durch Markierungen erkennbar, im Gegensatz zur Behauptung der Senatsverwaltung. 1837, also noch zur Zeit des Cholerafriedhofes, existierten bei mindestens 1.500 Gräbern 75 Holzkreuze, 35 eiserne Kreuze, 2 Eisengitter und jeweils ein Marmor- und ein Steindenkmal sowie die einzelnen Grabmarkierungen. Hier war keine "grüne Wiese". Der Friedhof war arm und vom städtischen Totengräber weitgehend vernachlässigt, aber als Friedhof eindeutig erkennbar. Die von der Senatsverwaltung aufgezwungene Anonymität setzt den herabwürdigenden Umgang mit dem Armenfriedhof zur Zeit seiner Belegung im 19. Jahrhundert in der Gegenwart nur konsequent fort.

Hinzu kommen zwei weitere Ungenauigkeiten:

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 7:
"Der Armenfriedhof wurde von 1832 bis 1881 mit Bestattungen belegt."
Diese Behauptung ist ungenau.
Auf dem späteren Armenfriedhof fand bereits am 1. September 1831 die erste Beerdigung des ersten Berliner Cholera-Toten statt. Bis zum Jahresende 1831 erfolgten auf dem damaligen "Cholera-Kirchhof" mindestens 1.426 Beerdigungen. Dagegen waren die Jahre 1833, 1834, 1835, 1836, 1838, 1839 wegen des Ausbleibens der Cholera bestattungsfrei.

Senats-Pressemitteilung v. 5.12.2016, Textstelle 8:
"Der ab 1832 als Armenfriedhof bezeichnete Begräbnisort war fortan der größte Begräbnisplatz dieser Art in Berlin."
Diese Behauptung ist ungenau.
Der Friedhof wurde 1831 überstürzt als "Cholera-Begräbnisplatz" angelegt und so bezeichnet und anschließend in den 1830er Jahren je nach Auftreten der Cholera intervallmäßig mit Cholera-Toten belegt. Erst am 3. Februar 1840 wurde er erweitert und als der "neue Armen-Begräbnißplatz" eröffnet und bezeichnet.
Er hieß übrigens nur bis 1874 "Armen-Kirchhof", danach "Städtischer Begräbnisplatz". 1881 wurde der Friedhof geschlossen.


Friedrichshainer Geschichtsverein Hans Kohlhase e.V.
an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, 7.10.2015

Einwand gegen die Bebauungspläne V-1-1 „An der Mälzerei “und V-1-2 „Friedrichshain-Höfe“ in Friedrichshain, gegen das Planungsdiktat von Grünen und SPD in Friedrichshain, für ein menschengerechtes Wohnen am alten Armenfriedhof Friedenstraße - Landsberger Allee, für die Erhaltung des Denkmalensemble-Restes Böhmisches Brauhaus Friedenstraße - Pufendorfstraße - Landsberger Allee:

"Das Areal des alten Berliner Armenfriedhofs, das sich ursprünglich von der Friedenstraße bis zum Nordrand des Sportplatzes und von der Friedhofsmauer an der Diestelmeyerstraße bis zur Bauflucht des Böhmischen Brauhauses, also etwa 25 Meter westlich der Pufendorfstraße erstreckte, soll im Bereich der westlichen Pufendorfstraße gänzlich unbebaut bleiben.
Die Stadt Berlin hatte diesen Armenfriedhof von 1831 bis 1881 angelegt. Hier wurden mehr als 40.000 Menschen aus den untersten Volksschichten bestattet, ohne dass heute irgendein Zeichen an das Schicksal dieser Menschen erinnert, die im Leben wie im Tode nur als Randerscheinung wahrgenommen werden. Bei einer Vollbebauung entlang des Blockrandes der westlichen Pufendorfstraße wird dieser Friedhof mit seinen Grablagen freigelegt werden. Er ist wie jeder Friedhof als Bodendenkmal zu behandeln und steht auch ohne Denkmalschutzerklärung per se unter gesetzlichem Denkmalschutz.
Menschlich und kulturell wäre es endlich angebracht, wenn die Stadt Berlin an diesem von ihr vergessenen Ort ein Erinnerungssymbol errichten würde. Die Nichtbebauung dieses Teils des Friedhofes könnte dafür ein Ausgangspunkt sein."

  Bild 1
In voller Kenntnis der Lage des ehemaligen Armenfriedhofes begann am 17. März 2016 an seiner Nordgrenze eine archäologische Suchgrabung, die zur Bergung von acht Skeletten führte. Die Koordinierungen zu diesem öffentlichkeitswirksamen Eingriff in das Gräberfeld zwischen dem Investor, dem Landesdenkmalamt und der archäologischen Grabungsfirma reichen in das Jahr 2015 zurück. Fünf Einzelgrablagen sind erkennbar.
Bild 2
Abriss des unter Denkmalschutz stehenden Sudhauses des Böhmischen Brauhauses am 31. März 2015 ohne rechtliche Genehmigung, aber mit Duldung des Bezirksamtes und Landesdenkmalamtes.
Bild 3
Abriss des im Jahr 1868 erbauten zweigeschossigen Brauereikellers des Böhmischen Brauhauses (Denkmalobjekt) an der Landsberger Allee mit Zustimmung des Landesdenkmalamtes, jedoch ohne eine gesetzlich vorgeschriebene Abrissgenehmigung. Ein Tonnengewölbe war 15 Meter lang, 6 Meter breit und 4,70 Meter hoch. Die Tiefe betrug 14 Meter. Foto: 18. Juni 2015
Bild 4
Schon die ersten Grabungstage auf dem Gräberfeld des ehemaligen Armenfriedhofes erbrachten den Nachweis von Einzelgräbern. Auf dem Foto vom 4. August 2016 sind neun Gruben von bereits geräumten Einzelgräbern, die keine Berührung zueinander hatten, zu erkennen. Hier wurde demnach nicht in einer Gruppe bestattet.
Bild 5
Grabfeld im Nordwesten mit eindeutig erkennbaren mind. 146 Einzelgräbern, deren Abstand voneinander meist ca. 30-50 cm beträgt, also keine Dicht-an-dicht-Lage von Holzkisten darstellt, wie die Senatsverwaltung behauptet. Foto: 4. Dezember 2016
Bild 6
Grabfeld im Nordosten mit mind. 107 Einzelgräbern, deren Abstand voneinander meist ca. 20-30 cm beträgt, auch hier also kein Massengrab. Foto: 8. November 2016
Bild 7
Die Berliner Zeitung veröffentlichte am 30.11.16, 14:13 Uhr online den Beitrag von Marc Fleischmann: Friedrichshain Massengrab mit bis zu 4000 Skeletten in Wohngebiet entdeckt
(siehe: http://www.berliner-zeitung.de/25195702 ©2016), darin ein Detailfoto mit fünf noch belegten Einzelgräbern und fünf beräumten Einzelgräbern.
Obwohl der Journalist im Foto Einzelgräber zeigt, schreibt er unter der manipulativen Headline "Massengrab". Da wir ihm keine Dummheit unterstellen, muss es sich um eine gewollte Täuschung der Öffentlichkeit handeln.
Bild 8
Mittleres, bereits beräumtes Grabfeld mit überwiegend Gruben von Einzelgräbern, jedoch auch Massengräbern an unterer Mitte (Gräber 286-294). Foto: 11. September 2016
Bild 9
Bei einer Gedenkfeier am 4. Juni 1848 auf dem Friedhof der Märzgefallenen sind im Vordergrund deutlich zwei doppelte Grabreihen zu sehen, die sich über den verfüllten länglichen Grabgruben erhoben. Die Einzelgräber waren in diesem Gemeinschaftsgrab durch einzelne Grabkreuze oder Schilder markiert. Im Hintergrund, verdeckt von der Menge, befanden sich diagonal ebenfalls zwei doppelte Grabreihen. Von der Bestattungsart handelte es sich um Einzelgräber eines Gemeinschaftsgrabes. Illustrierte Zeitung, Juni 1848.
Bild 10
Einzelgräber, hier Nr. 951-957, sind der überwiegende Befund auf dem ehemaligen Armenfriedhof an der Pufendorfstraße am 14. November 2016.
Bild 11
Obwohl es sich um Einzelgräber (951-957) handelt, werden die Gebeine in zwei Transportbehältern gelagert, die anschließend in einem Container in Umzugskartons umgefüllt werden. Die Individualität der Toten wird aufgehoben und jetzt erst werden sie zu Toten eines "Massengrabes". Dies ist ein würdeloser Umgang mit den Bestatteten, der seit Oktober zur Praxis bei den Ausgrabungen wurde, dem Investor als Auftraggeber jedoch weniger Kosten bereitet. Foto: 14. November 2016.
Bild 12
Gräber 283-294 in sehr dichter und alternierender Lage der Gebeine sowie mit undifferenzierbarer Vermengung mehrerer Individuen (Anatomieleichen, Grab 286-294) in situ deuten auf ein Massengrab hin, jedoch sind unten vorn auch Einzelgräber erkennbar (Grab 283, 284). In den Umzugskartons werden jeweils fünf Individuen eingelagert. Foto: 2. September 2016
Bild 13
Plan des Armenfriedhofes um 1860 mit seiner Erweiterung im Norden (grün) im Jahr 1862, dem westlichen Nachbarn "Böhmisches Brauhaus", dem Parochialkirchhof im Osten, der 1895 angelegten Pufendorfstraße (rot) und der 1891 angelegten Diestelmeyerstraße (rot) und der aktuellen Grabungsfläche 2016-2017 (blau). Im Süden befand sich die Stadtmauer, die 1867 abgerissen und 1875 zur Friedenstraße wurde.
Ausblenden


Bild 13 - Plan des Armenfriedhofes um 1860
Ausblenden


Führungen
Ausstellung Böhmisches Brauhaus Januar/Februar 2016
Tag des offenen Denkmals 2017
Der Verein
Impressum
Kontakt
Friedrichshainer Geschichtskalender
mont klamott
Weitere Publikationen